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Mit dem Eintritt in den Ruhestand beginnt die Zeit neuer Freiheiten. Eine Lebensphase in der Freizeit, Familie und Freunde in den Vordergrund treten und lange zurückgestellte Lebenswünsche erfüllt werden können. „Erstmals seit Ende des 2. Weltkriegs erreicht nun eine gesamte Generation von Menschen mit geistiger Behinderung das Rentenalter“, informiert Mirjam Schwab von der Sozialplanung des Ortenaukreises. „Nach einem langen Erwerbsleben in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung, erreichen diese Frauen und Männer eine neue Lebensphase, die es neu zu gestalten gilt.“ Eine Vorgängergeneration, von der gelernt werden kann, gibt es nicht. „Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung haben Menschen mit geistiger Behinderung kaum geheiratet und nur wenige eine Familie gegründet. Sie können sich daher im Alter nicht auf ihre Kinder stützen“, erklärt Schwab. Gestaltung des RuhestandesIm Wohnangebot der Lahrer Werkstätten der Johannes-Diakonie Mosbach werden aktuell 34 Männer und Frauen mit Behinderungen im Seniorenalter betreut. „Wir möchten den Senioren Anregungen und Hilfe geben, das Alter mit seinen veränderten Bedürfnissen und Lebensbedingungen anzunehmen und bestehende Kompetenzen so lange wie möglich zu erhalten“, sagt Gudrun Dieterle, Wohnbereichsleiterin der Lahrer Werkstätten. Die Angebote der Tagesgruppe sind freiwillig, großen Zuspruch finden die wöchentlichen Besuche im Lahrer Tierheim. Dort werden Hunde ausgeführt, mit Katzen gekuschelt und die Tierpflege unterstützt. „Man schätzt die geleistete Tätigkeit der Seniorinnen und Senioren. Menschen mit Behinderung benötigen auch im Ruhestand das Gefühl, gebraucht zu werden und anerkannt zu sein. Hierbei geht es um die Würde des Menschen“, so Dieterle. Eine andere Freizeitbeschäftigung im Sinne der Inklusion sind Besuche im „Treffpunkt Stadtmühle“, dem Bürgertreff der Stadt Lahr. „Die Senioren mit Behinderung sind gern gesehene Gäste beim Nachmittagskaffee und beim gemeinsamen Singen. Dabei haben sich persönliche Kontakte entwickelt, auch Gegenbesuche finden statt“, so Dieterle. Viele ältere Menschen mit Behinderung leben bei ihren hochbetagten ElternFrüher zogen viele Menschen mit geistiger Behinderung häufig nicht von zu Hause aus, sondern wurden ihr ganzes Leben von den Eltern umsorgt“, sagt Mirjam Schwab. „Viele davon sind heute bereits in einem in einem fortgeschrittenen Alter und leben noch immer bei ihren hochbetagten Eltern. Manchmal dreht sich das Betreuungsverhältnis dann etwas um“, so die Sozialplanerin. Bei zunehmendem Unterstützungsbedarf der Eltern sind auch die längst erwachsenen Kinder mit geistiger Behinderung auf fachliche Unterstützung angewiesen. „Deshalb entwickelt der Ortenaukreis in Zusammenarbeit mit den Trägern der Behindertenhilfe Möglichkeiten neuer Wohnformen für Menschen mit Behinderung, wenn der Auszug aus dem Elternhaus im späten Erwachsenenalter erfolgen muss“, teilt Schwab mit. Wolfgang Huber, Leiter des Amtes für Soziales und Versorgung im Landratsamt, bekräftigt: „Wir erleben immer wieder, dass Menschen mit geistiger Behinderung auch in höherem Alter ein relativ selbstbestimmtes Leben führen können. Sie dazu zu befähigen und den Ablösungsprozess von den Eltern zu unterstützen, ist eine Aufgabe, der sich der Ortenaukreis stellt.“ Gemeindeintegrierte selbstbestimmte Lebensführung im AlterEin gelungenes Beispiel neuer Wohnformen für Menschen mit geistigen Behinderungen ist das ambulant betreute Wohnen des Ettenheimer Bürgerstifts. Hier leben inmitten der Gemeinde Menschen mit geistiger Behinderung im Seniorenalter mit jüngeren Menschen mit Behinderung zusammen. Bewohnerin Gisela Stippich ist seit zwei Jahren im Ruhestand. „Mein Leben im Ruhestand ist so wie bei Menschen ohne Behinderung. Ich bin sehr glücklich damit“, sagt Stippich. Der 67-Jährigen war es wichtig, ihre Pension an ihrem Wohnort verbringen zu können, mit Kontakten zu ihren Mitbewohnern und in die Gemeinde. Mit den Betreuern im Ettenheimer Bürgerstift besprach Stippich ihre zukünftige Tagesgestaltung. Worauf Sie sich besonders freute? „Auf das Ausschlafen natürlich“, lacht Stippich. Außerdem geht sie ihrem Hobby Papierbilder basteln nach, kocht mit ihren Mitbewohnern und besucht Bekannte oder ihre Schwester in Ringsheim. Wie andere Senioren auch, geht sie zum „Städtletreff“ in den Winefeldsaal. „Jeder Tag wird zusammen mit Frau Stippich geplant. Wo Hilfe nötig ist, wird ihr geholfen. Aber nur dann, damit sich die Selbständigkeit und das damit verbundene Selbstbewusstsein weiter entwickeln kann“, sagt Margret Oelhoff, Begründerin des Ettenheimer Bürgerstifts. Die Tagesbetreuung von Gisela Stippich wird über das Amt für Soziales und Versorgung des Ortenaukreises in Form eines persönlichen Budgets finanziert. Dabei erhalten Menschen mit Behinderung für die Umsetzung ihres gesetzlichen Anspruchs auf Teilhabe in der Gesellschaft eine Geldzuwendung, anstatt der ansonsten üblichen Sach- oder Dienstleistungen. „Diese Finanzierungsform ermöglicht viel Flexibilität und fördert individuelle Unterstützung. Die ist wichtig, da jeder Mensch anders altert“, betont Wolfgang Huber. Risiko der PflegebedürftigkeitIm hohen Alter steigt auch bei Menschen mit geistigen Behinderungen das Risiko, pflegebedürftig zu werden. Auch Menschen mit geistigen Behinderungen leisten während ihrer Erwerbsphase Beiträge zur sozialen Pflegeversicherung. Diese Leistungen werden dann im Alter und bei Pflegebedürftigkeit relevant. „Eine Schwierigkeit hierbei ist, dass die Leistungen der Pflegeversicherung Menschen mit Behinderung nach derzeitiger Rechtslage nur eingeschränkt zur Verfügung stehen, insbesondere im stationären Bereich“, bestätigt Sozialplanerin Schwab. Der vollständige Zugang zu Leistungen der Pflegeversicherung für alle Menschen mit Behinderungen, unabhängig der jeweiligen Wohnform, müsse auch politisch das Ziel sein, argumentiert Wolfgang Huber. „Dies ist notwendig, um den Bedürfnissen der neuen Generation von alt gewordenen Menschen mit einer geistigen Behinderung gerecht zu werden“, bilanziert Huber.Infokasten:Neue Studie belegt steigende Lebenserwartung auch bei Menschen mit geistiger BehinderungEine Studie des Kommunalverbandes Jugend und Soziales in Baden-Württemberg (KVJS) berechnet erstmalig auf Basis einer großen Stichprobe die Lebenserwartung von Menschen mit geistiger Behinderung in Baden-Württemberg. Danach liegt die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer bei 65 Jahren, für Frauen bei 70 Jahren und ist damit deutlich geringer, als die der Allgemeinbevölkerung in Baden-Württemberg (Frauen: 84 Jahre, Männer: 79 Jahre). Die Berechnungen des KVJS zeigen, dass die Lebenserwartung von Menschen mit geistiger Behinderung überproportional steigt. Menschen mit leichten geistigen Behinderungen haben der Studie nach eine vergleichbare Lebenserwartung wie die Allgemeinbevölkerung, bei stärkeren Behinderungen ist die Lebenserwartung deutlich geringer.Weitere Infos: www.kvjs.de